Kleine Architekturgeschichte von Saint-Jean-de-Monts
Seit 1867 besuchen Badegäste die Strände von Saint-Jean-de-Monts. Im Jahr 1872 tritt die staatliche Gewässer und Forstverwaltung einige Hektar Dünen an die Gemeinde ab. Die Notabeln von Challans und später von Paris lassen einige Chalets errichten, und das Strandhotel wird auf die Initiative von Madame Sigogneau, der Metzgersfrau des Marktfleckens, gegründet. Das erste Viertel der Sommersitze ist damals entstanden, die Keimzelle des späteren Seebads. Angesichts seines Erfolges wird das Strandhotel abgerissen, um Platz für ein modernes Hotel mit 40 Zimmern zu schaffen; den Sommergästen stehen nun ein hochwertiges Restaurant und ein Strandcafé zur Verfügung. Das Hotel erlebt seine Blütezeit in den 20er Jahren; es zählt damals rund 40 Mitarbeiter, und zahlreiche Künstler steigen hier ab, die von den ganz besonderen Lichtverhältnissen dieser Gegend, auch „Küste des Lichts“ genannt, angelockt werden.
Hôtel de la plage et baigneuse de nuit
„Die Seevögel“ (Les oiseaux de mer), ein Kunstwerk der Brüder Martel, stammt aus dem Jahre 1964. Es ist das letzte Monumentalwerk der Bildhauer. Die Zwillingsbrüder Jan und Joël wurden 1896 von einer Mutter aus der Vendée geboren, die aus Bois de Cené stammte. Ihr Vater Léon Martel war ein wohlhabender Dandy, der in aller Ruhe seinen Leidenschaften frönen konnte – Architektur, Malerei und Musik. Dieser Städter lässt sich von der Heimat seiner Frau bezaubern. Deshalb spielt sich auch ein Teil ihrer Kindheit in dem Familienwohnsitz „Le Mollin“ in Garnache ab. Ihr Vater erwirbt 1905 den Unterbau der Mühle „Tout-Vent“, um ihn in einen Sommerwohnsitz des Seebads umzuwandeln, und entwirft ein wahres Lustschlösschen mit orientalisierender Architektur. Die Künstlerkarriere der Brüder spielt sich zwischen Paris und Saint-Jean-de-Monts ab, wo sie mit den anderen Künstlern der „Gruppe von Saint-Jean-de-Monts“ verkehren.
Les oiseaux (Jan et Joël Martel)
Bis dahin war die von einem schattigen Garten umgebene Villa der beliebteste Ferienwohnsitz; ab 1955 trat dann ein neues Konzept in Erscheinung, das Appartement im Mehrfamilienhaus, das für Personen von bescheidener Herkunft einen Zugang zur eigenen Ferienwohnung ermöglicht – „Urlaub für alle“. Mit dem Urlaubsboom der Nachkriegszeit ist die Zeit der Raumplanung gekommen. Der Rechtsanwalt Farcy, der 1962 Bürgermeister wurde, sieht die Dinge in großen und modernen Dimensionen. Der Weg zum Strand führt von nun an über die Avenue de la Forêt: der Mittelpunkt der neuen Stadt, die jetzt gebaut werden soll. Hier wird das Kongresszentrum errichtet – das Symbol der neuen touristischen Ambitionen der Gemeinde. Die Herren Haas und Minélian unternehmen als Investoren den Bau der großen Gebäude. Die als Ferienwohnungen gedachten Appartements sind bescheiden, ohne Heizung oder Wärmedämmung; sie begeistern eine Arbeiterkundschaft, die sich das Wesentliche leisten kann : den Urlaub.
Immeubles
Das Stadtviertel Les Demoiselles liegt teils in Saint-Jean-de-Monts, teils in Saint-Hilaire-de-Riez; das frühere Bett des Chenal de Besse bildet die Grenze zwischen den zwei Gemeinden. 1918 legten hier 3000 Amerikaner einen Militärflugplatz und eine geteerte Straße an, um für die Flugzeuge eine bessere Rollstrecke zu schaffen. Diese Straße wurde 1925 bis zum Meer verlängert, sie wurde später die Avenue Valentin. Nach dem Abzug der Truppen wurde ein ausgedehntes Gelände frei. Der Besitzer, Valentin Guérin, der diese Grundstücke von seinen Tanten, den Damen Chaillou, geerbt hatte, verkaufte sie an einen Industriellen aus Angers. Der Name dieses neuen Stadtteils wurde zur Erinnerung an die “Demoiselles Chaillou“ gewählt. Ab 1925 veränderten die ersten Gebäude die Landschaft. Ein Einkaufszentrum wurde um den runden Platz “Rond-point des Demoiselles“ eingerichtet, 1932 eine Kapelle fertiggestellt, woraus dann ein richtiges Stadtviertel entstand: Les Demoiselles.
Die Bädervilla “L’Elysée“, die 1930 am Ortseingang des am Strand gelegenen Stadtviertels Les Demoiselles erbaut wurde, ist ein schönes Beispiel des Eklektizismus. Der aus dem Italienischen stammende Begriff Villa bezeichnet ursprünglich ein Landhaus. Seit 1920 ist darunter im Französischen eine Bäderarchitektur ohne strenge Einhaltung eines bestimmten Architekturstils zu verstehen. Die Villa ist ein Ort, an dem man in erster Linie übernachtet; der wichtigste Raum ist der Sommergarten, um bereits am Morgen die wohltuenden Wirkungen der Sonne und der Meeresluft zu genießen. Der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel (eine Eisenbahnlinie an der Küste wurde 1923 von Bourgneuf bis nach Les Sables-d’Olonne eingerichtet, sie wurde 1947 stillgelegt) förderte den Bau von Häusern in diesem Stadtviertel, der sich bis 1939 ununterbroche fortsetzte.
Diese Villa mit ihrer so besonderen Architektur ist noch heute ein Zeugnis der “Trente Glorieuses“: eine Zeit, die eine mehr als blühende Zukunft erahnen lässt, die beste aller Welten, die die Tore zu allen Wünschen eröffnet, vor allem in der Architektur. Dank eines neuen Baustoffs (dem Beton) werden nun die Bautechniken revolutioniert. Er ist preiswert und praktisch und wird damit den damaligen Ansprüchen der Franzosen gerecht, die etwas “Solides“ haben wollten. Unter dem Einfluss der Bewegung des Hygienismus vom Beginn des 20.
Villa Elysee
Jahrhunderts, die eine möglichst große Sonneneinstrahlung empfiehlt, entstehen größere Häuser, bei denen Innen- und Außenraum durch große Fenster und Terrassen in enger Verbindung zueinander stehen. Die einhängigen Dächer stehen bewusst im Gegensatz zur herkömmlichen Architektur. Die Kombination von kubischen und gerundeten Formen gibt sich gewagt und widerspiegelt damit die Denkweisen dieser Zeit. Die Verwendung von weißem Beton bringt Licht in diese neuen Lebensräume, die einen entschiedenen Bruch mit der Architektur der Vergangenheit zum Ausdruck bringen wollen. Man blickt nach vorn, wagt endlich etwas Neues, denn die Zukunft erscheint in leuchtenden Farben.
Das Stadtviertel Le Devallon ist eine ehemalige “parée“, die Herrn Pouvreau gehörte, der wegen seiner Körperfülle “Milletripes“ genannt wurde. Dieser Begriff “parée“ bezeichnete landwirtschaftlich genutzte, eingeschlossene Grundstücke vor den großen Arbeiten zur Bewaldung der Dünen, hier hatten sich Leute von bescheidener Herkunft angesiedelt. Der Ortsname “parée“ ist hier häufiger anzutreffen: Parée Jésus, Parée du Jonc, oder Parée Verte…
Diese Dünenbewohner, die hier etwas Gemüse und Weinreben anbauten, legten den Grundstein für diese Ansiedlung. La Parée Milletripes wurde 1913 verkauft. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstanden einige Villen, die Bautätigkeit wurde 1920 beschleunigt wiederaufgenommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte man an die hundert Villen. Dieses Stadtviertel besticht durch seine einheitliche Architektur und seine bewaldete Umgebung.